Die furchtbaren Verbrechen der Nationalsozialisten an der jüdischen Bevölkerung sind weithin bekannt. Weitaus seltener hört man von den Grausamkeiten, die den Menschen der Sinti und Roma widerfahren sind. Sie wurden als „minderwertige Rasse“ und als „Zigeuner“ diskriminiert, schikaniert, verfolgt und ermordet. Weit über 100.000, geschätzt bis zu 500.000 Menschen fielen europaweit dem Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer.
Auch Germersheim gehörte zu den Schauplätzen dieser Gräueltaten. Und auch hier sind die Schicksale dieser Menschen kaum noch bekannt. Das Leid wurde aus dem Bewusstsein verdrängt und vergessen.
chon vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten hat der Landtag des Freistaates Bayern 1926 das „Gesetz zur Bekämpfung von Zigeunern, Landfahrern und Arbeitsscheuen“ erlassen (Germersheim gehörte damals zu Bayern). Wer als „Zigeuner“ zu gelten hatte, wurde als allgemein bekannt vorausgesetzt. Die für den Lebensunterhalt als Händler, Handwerker oder Musiker er-forderliche Genehmigung zum Umherziehen wurde zunehmend restriktiv gehandhabt. Reisen in „Horden“ war verboten, wobei schon zwei nicht verwandte Einzelpersonen als Horde galten, und von der Landesverweisung war insbesondere bei ausländischen „Zigeunern“ (keine bayrische Staats-angehörigkeit) reichlich Gebrauch zu machen.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verschlimmerte sich die Situation zusehends. 1939 wurde durch den Festsetzungserlass verfügt, dass „Zigeuner“ ihren aktuellen Wohnsitz oder Auf-enthaltsort unter Androhung von Konzentrationslagereinweisung nicht mehr verlassen durften. Familien wurden so auseinandergerissen, der Lebensunterhalt konnte durch Wandergewerbe nicht mehr verdient werden.
Damit war die Voraussetzung für die geplante Deportation geschaffen. Bei der „Zigeuneraktion“ vom 16. Mai 1940 wurden allein von der Kripostelle Ludwigshafen Eisenbahnwaggons zum Abtransport von 160 Personen angefordert. Dem Sonderzug zum Sammellager nach Hohenasperg wurden in Ludwigshafen die Wagen aus Albersweiler, Annweiler und Germersheim angehängt. Vier der in Germersheim erfassten Sintifamilien wurden vermutlich in diesem Zug deportiert. Über Hohenasperg ging es einige Tage später nach Jedrzejów im Generalgouvernement Polen.
Die einzelnen Familien
Ludwig Adel, geb. am 24.06.1885 in Rheinhausen, war Musiker. Er hatte im Ersten Weltkrieg gedient. Er war seit 1940 im Lager Krakau inhaftiert, wo er zuletzt am 15.08.1943 beim Arbeitseinsatz gesehen wurde. Nach Angaben seiner Ehefrau soll er im Lager vergast worden sein und wurde später für tot erklärt.
Josef Adel, geb. am 24.12.1893 in Selz/Elsass, der Bruder von Ludwig Adel, wurde am 16.05.1940 in Germersheim festgenommen und in den Osten abgeschoben. Über seinen Verbleib ist nichts bekannt.

Anton Wagner, geb. am 05.10.1903 in Hain-Gründau, war Musiker und wurde ebenfalls am 20.05.1940 in Germersheim verhaftet und nach Polen deportiert, wo er eine Odyssee durch viele Lager erleiden musste, aber überlebte und nach dem Krieg nach Bayern zog.
Josef Johann Weiß, geb. am 06.06.1898 in Oberhofen/Elsass, bestritt seinen Lebensunterhalt durch Ausübung des Hausierhandels und Musikergewerbes. Er war 1931 nach Germersheim gezogen und hatte in besonderer Weise mit der ablehnenden Haltung der Stadtverwaltung zu kämpfen, die den Zuzug mit unlauteren Mitteln zu unterbinden suchte. Auch er wurde im Mai „zwangsweise nach dem Generalgouvernement umgesiedelt“. Er war von 1940 bis 1943 im Zwangsarbeitslager Krakau interniert. Seine Ehefrau hat wurde 1943 in ein anderes Lager verlegt und hat danach nie mehr etwas von ihm gehört. Er wurde 1951 für tot erklärt.

Karl Weiß, geb. am 25.06.1900 in Ketingen/Elsass, bestritt seinen Lebensunterhalt als Musiker und Korbflechter, während seine Frau einen Hausierhandel mit Kurzwaren betrieb. Auch er wurde mit seiner Familie bei der „Zigeuneraktion“ „zwangsweise nach dem Generalgouvernement umgesiedelt“. Über die Lageraufenthalte ist im Einzelnen nichts bekannt. Er überlebte die Lagerhaft und kehrte mit seiner Familie über verschiedene Stationen 1948 nach Germersheim zurück.
Georg Winterstein, geb. am 04.04.03 in Bendorf/Ober-Elsass, war schon 1933 aus dem Freistaat Bayern ausgewiesen worden, nachdem man ihm die zuvor bescheinigte bayerische Staatsangehörigkeit aberkannt hatte. Auch er litt bei seinem Zuzug 1931 unter erheblichen Schikanen des Bürgermeisteramts, das seinen Zuzug verhindern wollte. Über seinen Verbleib ist nichts bekannt.
Nach den polizeilichen Angaben von 1936 lebten alle aufgeführten Sinti und Roma in der Seysselkaserne, wobei jeder Familie nur ein Wohnraum zur Verfügung stand, was schon damals als aus hygienischer und sittlicher Sicht unhaltbarer Zustand beschrieben wurde. Man hätte aber keine Möglichkeit einer anderweitigen Unterbringung gehabt, wobei die Frage offen bleibt, von wo aus die Familien dort eingewiesen wurden, denn sie können nicht schon immer in diesen Räumen gelebt haben. Die genannten Familien sind ab den Jahren 1931 zugezogen. Es waren laut o.g. polizeilicher Angaben keine Straftaten der Sinti und Roma bekannt.
Sechs Namen, fünf Familien, eine Einzelperson. Bei den Familien sind zum Teil nur die Männer namentlich bekannt, die Familienangehörigen sind oft gar nicht erwähnt. Die Männer stehen stellvertretend auch für ihre Familien. Eine Familie wurde 1933 aus dem Freistaat Bayern aus-gewiesen (Schicksal unbekannt), alle anderen wurden in Lager deportiert unter Verwendung des euphemistischen Begriffs der Umsiedlung. Drei Männer sind verschollen, zum Teil für tot erklärt, zwei haben den Krieg überlebt.
Als Sinti waren sie eine verfolgte Minderheit, weil sie nicht der „arischen Rasse“ angehörten und „minderwertig“ wären. Es wurden ihnen ihre Rechte vorenthalten, sie wurden verdächtigt, schikaniert, schließlich verhaftet und in Arbeits- und Todeslager deportiert.
Noch immer kommt man um die tausendfach gestellte Frage nicht herum, wie dies passieren konnte. Wer die Frage so stellt, frägt aus einer sicheren, selbstgerechten Position heraus, denn es ist nicht „passiert“ wie etwa ein Unwetter oder Erdbeben. Es ist geschehen, es wurde gemacht, es wurde gehandelt – auch von Germersheimer Bürgern. Ohne die Gesetze der Reichsregierung schon vor der „Machtergreifung“ Hitlers, ohne den Befehl Himmlers und der anderen Hauptverantwortlichen hätte das Unheil so nicht seinen Verlauf genommen. Aber ohne rassistische Stimmung auf lokaler Ebene, ohne das Zutun der lokalen Verwaltung, der Polizei und der Mitbürger hätten die grausamen Taten auch nicht verübt werden können.
Die Germersheimer Sinti waren keiner Straftaten angeklagt (außer z. T. Verstoß gegen „zigeuner-polizeiliche“ Vorschriften wie Umherziehen ohne „Zigeunerpersonalblatt“). Sie waren politisch nicht aktiv und spionagepolizeilich unauffällig, aber als „Zigeuner“ galten sie als verdächtig. Die Männer wurden dennoch gemustert und im Ersten Weltkrieg zum Kriegsdienst an der Front herangezogen.
Die Sinti lagen auch nicht der Stadt auf der Tasche. Sie verdienten ihren Lebensunterhalt selbst, es gibt lediglich für den Winter 1935/36 Belege für kurzfristige Unterstützung durch die Stadt. Verständlicherweise konnten sich die Mitarbeiter der Verwaltung damals nicht so wie wir heute gegen die Anweisungen der Vorgesetzten wehren, doch finden sich nicht nur keine Hinweise auf irgendein Einlenken oder den geringsten Versuch des Entgegenkommens, sondern vielmehr eine ungeahnte Kreativität in der Abwehr der Sinti bis hin zu wahrheitswidrigen Unterstellungen und der Nachfrage bei der „Zigeunerpolizei“ München, wie man den Zuzug unterbinden könne.
Viele mögen denken, heute könne so etwas nicht mehr passieren. Viele können oder wollen sich nicht vorstellen, dass unsere freiheitliche Grundordnung verändert, ausgehöhlt oder abrupt durch Umstände welcher Art auch immer beendet werden könnte, dass sie zu einer Flucht gezwungen wären, oder hier bedroht würden. Nichts ist für immer sicher, nichts ist für immer ausgeschlossen. Auch heute gibt es in stabil geglaubten Demokratien gesellschaftliche Spaltungen, fremden- und demokratiefeindliche Entwicklungen. Und unter jedem neuen Regime werden Staatsdiener oder Mitbürger bereit sein, Dinge zu tun, die heute obsolet sind. Darüber sollte jeder von uns nachdenken, auch über die Frage, was hätte ich damals gemacht? Hätte ich, wenn ich schon nicht den Mut zum Widerspruch gehabt hätte, wenigstens nicht die Augen verschlossen vor erkennbarem Unrecht? Seien wir uns heute unserer persönlichen unteilbaren Verantwortung bewusst gegenüber allen Mitmenschen, gleich welcher Herkunft, Hautfarbe oder Religion.
Wolfgang Blender:
Die Verfolgung der Sinti und Roma in Germersheim im Nationalsozialismus
ISBN: 978-3-95505-476-2
Erscheinungsdatum: 30.07.2024
(Alle Angaben mit freundlicher Genehmigung des Autors)
